Sehnsucht (Eichendorff II)

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

[268] Sehnsucht.

Es schienen so golden die Sterne,Am Fenster ich einsam standUnd hörte aus weiter FerneEin Posthorn im stillen Land.

5 Das Herz mir im Leib entbrennte,

Da hab’ ich mir heimlich gedacht:Ach, wer da mitreisen könnteIn der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen

10 Vorüber am Bergeshang,

Ich hörte im Wandern sie singenDie stille Gegend entlang:[269] Von schwindelnden Felsenschlüften,Wo die Wälder rauschen so sacht,

15Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,Von Gärten, die über’m GesteinIn dämmernden Lauben verwildern,

20 Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,Wann der Lauten Klang erwacht,Und die Brunnen verschlafen rauschenIn der prächtigen Sommernacht. –