Absage (Kraus)

Karl Kraus (1874–1936)

Wo die Maschine mit dem Menschen rauft,wo Blutverlust bedeutet Geld-Erraffen,wo Hunger herrscht und Reichtum Nahrung kauft —mit solcher Menschheit hab’ ich nichts zu schaffen!

5Wo Männer ächten, was sie selbst begehrt,

und wo die Sinne zu der Sünde finden,wo Liebe Schmach bringt und Natur entehrt —mit solcher Mannheit kann mich nichts verbinden!

Wo Freigeborne jedem Schall und Schein

10gehorchen, ewiger Menschenfurcht verschworen,

um als Tyrannen Sklaven noch zu sein,in solchen Reichen hab’ ich nichts verloren.

Wo Druck in jeder Form die Geister lähmtund wo die Phrase sich von selbst entzündet,

15wo Technik sich dem Tode anbequemt,

in solcher Welt ist nicht mein Glück begründet.

Wo fauler Zauber allen Lebens Zweckdem schnöden Mittel heimlich längst vermietet,wie sehn’ ich mich aus dieser Wohnung weg,

20in der ein Besen mir die Stirne bietet!

Wo Willkür, Wucher, Krankheit, Haß und Schmutzals die Verbündeten des Schlachtruhms schalten,da will ich kühn dem Vaterland zum Trutzmich für den allergrößten Feigling halten!

25"]}' id="mwOw">[58] Wo Wissenschaft den Heldentod erfand,

in Gift und Gas die Glorie sich erneuert,da hat sich mir das teure Vaterland,denn Krieg ist Krieg, bedeutend noch verteuert.

Wo statt der Glocken die Kanonen nun

30die frommen Christen zum Gebete rufen,

mit solchen hat der Teufel nichts zu tun,da sie auf Erden schon die Hölle schufen.

Wo Ehre fällt und Schande aufwärts steigtund heute gilt, wer gestern erst gestohlen —

35gern hätt’ ich Jenem doch den Weg gezeigt,

daß er mir könnte diese Ordnung holen!

Wo sie vor jedem Sonnenuntergangdurch Wort und Tat ihr Seelenheil verfluchen —mein Leben und mein weiteres Leben lang

40hab’ ich bei dem Gelichter nichts zu suchen!