An Lukianos (Tucholsky 5 PS)
An Lukianos
Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse!Zweitausend Jahre – welche Zeit!Du wandeltest im Fürstentrosse,du kanntest die Athenergosse
5und pfiffst auf alle Ehrbarkeit.
Du strichst beschwingt, graziös und eiligdurch euern kleinen Erdenrund –Und Gott sei Dank: nichts war dir heilig,du frecher Hund!
10Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen!
Wir haben zwar die Schwebebahn –doch auch dieselben Hurenkissen,dieselbe Seele, jäh zerrissenvon Geld und Geist – du lebst, Lucian!
15Noch heut: das Pathos als Gewerbe
verdeckt die Flecke auf dem Kleid.Wir brauchen dich. Und ist dein Erbenoch frei, wirfs in die große Zeit!
Du warst nicht von den sanften Schreibern.
20Du zogst sie splitternackend aus
und zeigtest flink an ihren Leibern:es sieht bei Göttern und bei Weibernnoch allemal der Bürger raus.Weil der, Lucian, weil der sie machte.
25So schenk mir deinen Spöttermund!
Die Flamme gib, die sturmentfachte!Heiß ich auch, weil ich immer lachte,ein frecher Hund!