Karneval (Greiner)

Leo Greiner (1876–1928)

[346] Karneval

Wer bist du, Mädchen, ich kenne dich nicht!Wie heißeres Lachen schlagen die Schellen,Und reines Glückes feurige WellenTanzen mir ins Gesicht.

5Grell zucken Lichter

Und küssen im TanzHüpfend die brennenden Narrengesichter.Hektischer Glanz,Firlefanz

10Umrieselt das tolle Gelichter.

Und plötzlich, Mädchen, kenn’ ich dich.An deinem Lachen kenn’ ich dich.Kein Narrengelächter, von Tänzen trunken,Ein Lachen, das leise und versunken

15Hallt aus großer Einsamkeit,

Aus einem Walde tief verschneit,Wo keine Lippen lauter sprechenUnd keine Tritte Zweige brechen.Dort kann ich dich auf tiefstillen Wegen

20Hinwandern sehn,

Dem Dunkel entgegen,Der traurigen Nacht.Deine junge Lippe schwermütig lachtIm Weitergehn.

25Komm, Mädchen, ich will dich umfassen

Und dich nicht lassen,In Trubel und HassenBist du mein.

Den Becher werf’ ich klingend zur Erde

30Es springt der Wein.

Stehst nun auf gläsernen Scherben,So soll verderbenDer irrende Schein.Laß tanzen und fliegen!

35In trunkenen Zügen

Saug’ ich über den flatternden LügenDen glühenden Wein deines Leibes ein.

Leo Greiner