An Alfred Meißner

Louise Otto-Peters (1819–1895)

[63]An Alfred Meißner.

„Jetzt, da die Männer feige sündgenDurch Zagen an dem Geist der ZeitHebt Euch, Ihr Frauen, Ihr unmündgen,Ein Wort der Freiheit zu verkündgen,Tragt grüne Palmen in den Streit.“

Alfred Meißner.

Auch Du, auch Du rufst uns zur Stelle,Du rufst uns auf den Schlachtenplan,Hinaus, hinaus aus enger Zelle,Wir Frauen solln des Hauses Schwelle

5Ernst überschreitend Euch uns nahn.

Und jubelnd streck’ ich Dir entgegenDie Schwesterhand – o habe Dank!Du hast nicht Hohn, nein, Du hast Segen,Wenn wir auch uns’re Leier regen

10Zum Freiheitskampfe ohne Wank.

Es braust das Lied in höhren ChörenWo man der eignen Kraft vertraut!Wie drängt michs, meinem Volk’ zu schwören!Und Gott der Herr wird mich erhören,

15Der in die Menschenherzen schaut.

[64]Ein Lenzsturm braust durch alle Lande –

Der Odem ist’s der neuen Zeit;Die Ströme brechen ihre Bande,Es schmilzt das Eis im Sonnenbrande

20Frei singt die Lerche und gefeit.

Und nun – bei all dem frischen LebenWie tief wär da verdammt das Weib,Dürft’ es nicht mit den Männern strebenUnd nichts dem eignen Volke geben

25Als sein Gekos, als seinen Leib!

„Habt Ihr Gesang, so schlagt die Leier!“Ruft uns Dein warmes Dichterherz –So tönt des Vaterlandes FeierIn meinen Sängen frei und freier

30Und flammt begeistert himmelwärts!

Und fröhlich hörte ich Dein MahnenUnd drücke Deine Bruderhand.Der neuen Zeiten neuem Ahnen,Der Freiheit einen Weg zu bahnen

35Dazu ward uns das Lied gesandt.

Und ob die Spötter mich verhöhnenNur ein Ziel kennt mein Herz, mein Lied!Nicht Myrt’ noch Lorbeer wird mich krönen,Doch Freiheit wird die Leier tönen,

40So lang mein Herz noch schlägt und glüt.