An einen Schwabinger Bürger

Ludwig Thoma (1867–1921)

[314] An einen Schwabinger Bürger

Denkst du daran?Denkst du noch rückerinnernd jenerVerfloss’nen Zeit,Wo dir die adligsten Rumäner

5In Geldverlegenheit,

Wo dir Fürst Ghika als Bojar,Der immer abgebronnen war,Mit Ehrenwort den Schwur getan.Sie wollten dir ein andermalen

10Und morgen schon die Wurst bezahlen?

Du weißt, wie deine Frau sich sorgte,Wenn das Gesindel immer borgte,Und du – na ja, in Gottes Namen,Gabst ihnen wieder, wenn sie kamen

15Nun aber bist du tief verletzt.

Ist das der Dank,Wie gegen uns die Bande hetzt?Der Ärger macht dich krank –Du meinst als schlichtes Publikum,

20Du warst zu gut – und warst zu dumm.

Sei ruhig! Schau die andern an,Die haben Schlimmeres getan.Die Herren, die die Kunstwelt lenkenUnd in der Zeitung für uns denken,

25Und die mit hohem Selbstvertrauen

Uns täglich deutsche Kunst versauen,Wie fanden sie GeschmackAn dem Schlawinerpack!An Burschen, die den Kniff verstanden,

30Bald die, bald jene Richtung fanden,

In der man ohne Kunst und FleißSich als Genie zu geben weiß!Wie das die Zeilenschreiber fraßen!Wie sie auf ihren Hosen saßen

35Die Kritici,

Daß das Genie,Das sich so frech und ungebärdig,So unverschämt und zukunftwerdig,So seltsam gab und laut rumorte,

40Sich endlich ins Verständnis bohrte!

Du wardst sie los mit einem Fluch,Strichst ihren Namen aus dem Buch –Doch das, was sie als Kunst betrieben,Verehrter Freund, das ist geblieben.

45Den Dreck, den sie uns hinterließen,

Den müssen wir noch fort genießenAls „Expression“,Und uns zum HohnGrinst er uns aus den Fenstern an,

50So frech, wie er’s von je getan.

Die Wunde schwärt. Da hilft kein Pflaster,Die Kunst ist krankUnd siecht nun dankDem gottverdammten Kritikaster.

Ludwig Thoma