Wunder der Liebe

Johann Ludwig Tieck (1773–1853)

[212]Wunder der Liebe.

Glosse.

Mondbeglänzte Zaubernacht,Die den Sinn gefangen hält,Wundervolle Märchenwelt,Steig’ auf in der alten Pracht!

5Liebe läßt sich suchen, finden,

Niemals lernen, oder lehren,Wer da will die Flamm’ entzündenOhne selbst sich zu verzehren,Muß sich reinigen der Sünden.

10Alles schläft, weil er noch wacht,

Wann der Stern der Liebe lacht,Goldne Augen auf ihn blicken,Schaut er trunken von EntzückenMondbeglänzte Zaubernacht.

15[213]Aber nie darf er erschrecken,

Wenn sich Wolken dunkel jagen,Finsterniß die Sterne decken,Kaum der Mond es noch will wagen,Einen Schimmer zu erwecken.

20Ewig steht der Liebe Zelt,

Von dem eignen Licht erhellt,Aber Muth nur kann zerbrechen,Was die Furcht will ewig schwächen,Die den Sinn gefangen hält.

25Keiner Liebe hat gefunden,

Dem ein trüber Ernst beschieden,Flüchtig sind die goldnen Stunden,Welche immer den vermieden,Den die bleiche Sorg’ umwunden:

30Wer die Schlange an sich hält,

Dem ist Schatten vorgestellt,Alles was die Dichter sangen,Nennt der Arme, eingefangen,Wundervolle Märchenwelt.

35[214]Herz im Glauben auferblühend

Fühlt alsbald die goldnen Scheine,Die es lieblich in sich ziehendMacht zu eigen sich und seine,In der schönsten Flamme glühend.

40Ist das Opfer angefacht,

Wird’s dem Himmel dargebracht,Hat dich Liebe angenommen,Auf dem Altar hell entglommenSteig’ auf in der alten Pracht.