Der Schäfer (Uhland)

Ludwig Uhland (1787–1862)

Der Schäfer.

Der schöne Schäfer zog so nahVorüber an dem Königsschloß;Die Jungfrau von der Zinne sah,Da war ihr Sehnen groß.

5Sie rief ihm zu ein süßes Wort:

„O dürft’ ich gehn hinab zu dir!Wie glänzen weiß die Lämmer dort,Wie roth die Blümlein hier!“

Der Jüngling ihr entgegenbot:

10„O kämest du herab zu mir!

Wie glänzen so die Wänglein roth,Wie weiß die Arme dir!“

Und als er nun mit stillem WehIn jeder Früh’ vorübertrieb:

15Da sah er hin, bis in der Höh’

Erschien sein holdes Lieb.

Dann rief er freundlich ihr hinauf:„Willkommen, Königstöchterlein!“Ihr süßes Wort ertönte drauf:

20„Viel Dank, du Schäfer mein!“

Der Winter floh, der Lenz erschien,Die Blümlein blühten reich umher,Der Schäfer thät zum Schlosse ziehn,Doch Sie erschien nicht mehr.

25Er rief hinauf so klagevoll:

„Willkommen, Königstöchterlein!“Ein Geisterlaut herunter scholl:„Ade, du Schäfer mein!“