Schranken des Glücks
[63] Schranken des Glücks.
Durch die Seelen der guten MenschenBebt ein Seufzer geheimen Wehes,Stellt ein Schrei verborgener SchmerzenSelbst in der Stunde des höchsten Glückes. –
5Wohl umfangen auch sie in berauschter,
Stammelnder Wonne das Glück der Erde,Und sie vergessen, darein versinkend,Alles Vergangenen düst’re Beschwerde.Sie auch pressen in nächtlicher Kammer
10Das Geliebte ans schauernde Herz,
Sie auch taumeln im Tanz des LebensVon der Verzweiflung zum lächelnden Scherz.Und, als lebte mit ihnen im GlückeAlles, was sie lebendig umkreist,
15Senden im Glück sie dankende Seufzer
Zu dem „allgütigen Weltengeist“.Aber sie tragen die stille MahnungAn das ewige Leid in der Brust;Werden doch immer sich des gemeinen
20Erdenloses die Guten bewußt!
Sie mögen alleinNicht glücklich sein.Trauernd senken die Guten ihr Antlitz,Und sie erglühen in schmerzlicher Scham
25Vor dem strengen, düsteren Weltgesichte,
Das ihnen im Flug der Träume kam.
[64] Den eignen Glücksstern sehn sie erblinden
In einer Nacht von fremdem Leid;In gleicher Sekunde jauchzt ihr Herz –
30Und zittert in weinender Einsamkeit. –
Ach, durch die Seelen der guten MenschenBebt ein Seufzer geheimen Wehes,Stellt ein Schrei verborgener SchmerzenSelbst in der Stunde des höchsten Glückes. –