Erwachen
[25]Erwachen.
Noch einmal ließ der Winter wehnIm finstren Trotze seine Fahnen;Er hieß die Bäche stille stehnUnd wehte Straßen zu und Bahnen.
5Er füllte ganze Thäler aus
In einer Nacht mit Schneeslasten,Begrub im Wald das FörsterhausUnd knickte schlanke Schiffesmasten.
In voller finstrer Größe stand
10Er aufgerichtet auf dem Posten
Und winkte mit der weißen HandDas Schneegewölk herauf von Osten.Er lachte in der Stürme Schlacht,In des Gestöbers graue Wirren,
15Und ließ die blanke Harnischpracht,
Die helle Eisesrüstung klirren.
Er schlug ans Schwert die Eisenfaust,Als werde Herr der Macht er bleiben –Doch wir, gehudelt und gezaust,
20Wir schauten spöttisch in das Treiben,
[26] Denn ob des Himmels Blau verschwand –
Es ließ sich Niemand bange machen;Wir wußten, vor der Thüre standDes Lenzes lächelndes Erwachen.
25Mag nochmals drum in Wald und Flur
Gepflanzt des Winters Banner stehen –Wir grüßen doppelt freudig nurDes lauen Thauwinds rastlos Wehen,Die Knospe, die verstohlen springt
30An Busch und Baum, auf Weg und Stegen,
Die Drossel, die mit Locken singtIm Abendlicht nach sanftem Regen.
Es schwillt das wintermüde HerzDem Lenz, der es erlöst, entgegen,
35Als werde Balsam auf den Schmerz
Der tiefsten Wunde still er legen –Und schreckt in Träumen, die dem SchooßDes finstren Tartarus entstammen,Und schreckt vor Fragen riesengroß
40Im selben Augenblick zusammen.
Sobald zum blauen HimmelszeltEmpor die ersten Lerchen schwirren,Geht scharf und deutlich durch die WeltEin unheilvolles Waffenklirren,
45Und Trommelwirbel übertäubt
Des Pirols und des Finken Schlagen,Wenn weiß es von den Zweigen stäubtNach kurzen, warmen Blüthetagen.
[27] Der Vogel brütet still im Nest
50Im dichten Busch, in braunen Schollen –
Da bebt der Grund in Ost und WestVon der Kanonenräder Rollen,Da thürmt sich auf in fahlem Schein,Verderben kündend jedem Volke
55Bis in der Witwe Kämmerlein,
des Krieges finstre Wetterwolke.
Die Völker könnten reich und starkIn Eintracht beieinander wohnen;Doch diese Angst, sie saugt am Mark
60Und an dem Herzblut der Nationen.
Wie lange wird der Menschheit StromIn viele Bäche man zersplittern?Wie lange noch wird dies PhantomDas Frühlingshoffen uns verbittern?