Für Rußland
[115] Für Rußland
Wild um sich schlägt in seinem Todeskampf,Den Schaum der Wut auf den erblichnen Lippen,Das fluchbeladne russische Zarat.Die Salven rollen dröhnend durch die Gassen,
5Und über Sterbende und Tote fegt
Wie eine Windsbraut ein Kosakenschwarm,In der erhobnen Rechten die Nagaika,Zum Stoß gesenkt die mörderische Lanze,Und Weiber, Kinder, schreckgebannte Greise
10Wirft untern Hufschlag seiner Steppenpferde
Der wilde blut- und schnapsberauschte Schwarm.Wer in der Tür sich und am Fenster zeigt,Den nimmt zum Ziel sich die Kosakenkugel;Schlüpfrig von Herzblut sind des Pflasters Steine,
15In allen Gossen rinnt es wie ein Bach;
Und die der Kriegssturm vor sich hergejagtWie lose Spreu, die rohe SoldateskaRächt an den eignen Landeskindern sichUnd feiert mordend billige Triumphe.
20Wie Räuber brechen sie mit Kolbenstößen
In jedes Haus, das Beute hoffen läßt;Sie schleppen fort, was ihre Gier gereizt,Und als Finale züngelt durch die SparrenDes Daches fauchend die gefräß’ge Flamme.
25Ein rotdurchglühtes Rauchgewölk verdunkelt
Den Horizont, und dichte TrauerschleierBedecken schonend eine Trümmerstatt.So tobt in Rußland sich die Wut der AngstIn grauenvollen Henkerszenen aus,
30Und des Zarates letzte Todeszuckung
Ist widerlich, wie es die Blüte war.Der Völker Blicke hängen wie gebannt
[116] An diesem Schauspiel, wie es fürchterlicher
Sich nie geboten, seit die Erde steht;
35Und instinktiv empfinden alle Völker,
Daß man da drüben ihre Schlachten schlägt,Daß jedes Opfer, das der Huf zerstampft,Gefallen ist für ihre eigne Sache.Und riesengroß aus riesengroßem Elend
40Erwächst den Völkern nun die Ehrenpflicht,
Nach besten Kräften helfend abzutragenDie Schuld des Dankes, die sie sonst erdrückt.Was eigne Armut nur entbehren kann –Hier soll sie willig es und freudig geben.
45Ein gar beredter Mahner ist das Mitleid,
Wenn aus dem Herzen es zum Kopfe drängtUnd unwillkürlich uns die Augen feuchtet,Die sich an blut’gem Elend blind gesehn,Der strengste Mahner aber ist die Pflicht!