Pro domo
[73] Pro domo
Könnt’ ich mir selbst und meinem innern TriebeMich überlassen, würd’ ich harmlos singenVon Blumen, Sternen und von Schmetterlingen,Von Waldesrauschen und von Wein und Liebe,
5Denn jeder Windhauch bringt in mir zum Tönen
Wie eine Äolsharfe das Empfinden,Und bis mir einst im Tod die Sinne schwinden,Häng’ ich am Zarten, Lieblichen und Schönen.
Was für aparte Dinge ich empfunden
10Beim Pirolflöten und beim Finkenschlagen,
Wie eine Blume still ich heimgetragen,Die ich in tiefem Waldversteck gefunden,Wie wunderlich zu Mute mir gewesen,Wenn unter mir die raschen Wasser rannen
15Und Nebelschleier um den Pfad sich spannen –
Es lohnte sich wahrscheinlich, es zu lesen.
Und wenn die Wiedergabe mir gelängeDer Stimmungsschatten meiner Lebensreise –Ich bin gewiß, daß meiner Lieder Weise
20Unsäglich süß und dennoch traurig klänge
Und daß von traumhaft zwingenden Gewalten,Die selten tauchen aus den stummen Tiefen,In denen sie im Unbewußten schliefen,Ich fürs Bewußtsein manchen festgehalten.
25Doch wollt ich auf der stillen Steige suchen,
Um mich der Traumwelt ganz zu überlassen,So schlug ans Ohr der Notschrei mir der Gassen,Der Ruf nach Brot, das Jammern und das Fluchen,Und heiß im Auge brannten mir die Tränen,
30[74] Und angesichts so schrecklichen Verschuldens,
So kalten Hohns und unerhörten Duldens,Ballt’ ich die Faust und knirschte mit den Zähnen.
Wär ich ein Dichter, wenn ich kühl ertrügeDen Lauf der Welt, die Herrschaft der Gemeinheit,
35Den gift’gen Spott auf jedes Strebens Reinheit,
Den Sklavensinn, die Feigheit und die Lüge?Müßt ich nicht selbst unsäglich mich verachten,Wär auf die Sprengung der verhaßten Bande,Wär auf die Sühnung der verjährten Schande
40Gerichtet nicht mein Sinnen und mein Trachten?
Denn ehern sind, gewaltig sind die Zeiten,Und wen sie wie ein Frühlingssturm ergreifen,Der kennt nur eine Pflicht: sein Schwert zu schleifenUnd für die Wahrheit und das Recht zu streiten;
45Der läßt, wenn’s sein muß, in den Tod sich hetzen,
Wie ins Exil auf einer fremden Erde,Daß frei das Volk, das wunderreiche, werde,Muß er an alles auch sein Alles setzen.
Drück ich in kühles Moos die Stirn auch heute,
50So ist es nur, weil mich zu stetem Ringen
Die eigne Kampflust und die Gegner zwingen,Weil ich mitunter der Erschöpfung Beute.Doch ist zu mir, wie fern auch, der TrompetenMahnen und Werben nie umsonst gedrungen –
55Ich bin noch immer hastig aufgesprungen,
Um festen Muts in Reih und Glied zu treten.