Deutsche Träume

Rudolf Gottschall (1823–1909)

Kreuz des Südens, deine SterneGlänzen uns am Himmelszelt,Und in weiter ErdenferneWinkt uns eine neue Welt.Mögen Dichter müßig schweifen,Während Zeus die Erde theilt:Völkern ziemt es, zuzugreifenUnverzagt und unverweilt.

Deutsche Träume, hoffnungstrunkenFliegt ihr fernen Landen zu,Wo ein Welttheil schlafversunkenJetzt erwacht aus tiefer Ruh,Schwelgt in künft’gen Paradiesen,Die das Wunderland verheißt,Seit den trägen schwarzen RiesenAuferweckt der deutsche Geist.

Rauchen seht ihr schon die SchloteAuf den ungeheuren Seen,Und vom Mast beschwingter BooteUns’res Reiches Banner wehn.Rings umschattet von BananenManche prächt’ge Villa ruht!Unter schimmernden AltanenBrandet des Nyanza Fluth.

Stadt an Stadt mit ZauberschnelleWuchs, vom Palmenhain umhegt,Wo des Tanganjika WelleSturmgepeitscht das Ufer schlägt.Und an Bagamoyos Strande,Welch ein bunter Weltverkehr!Welch ein Volksgewühl am Lande,Welch ein Mastenwald im Meer!

Deutsche Träume, ferne ZonenHaben euch berauscht genug!Wiegt euch nicht auf Palmenkronen,Lenkt zum Vaterland den Flug!Auf den heimathlichen EichenMögt ihr euern Horst erbaun!Fernher flammt ein FeuerzeichenDrohend auf durch Nacht und Grau’n.

Leichter ist’s, zu überbrückenMeer auf Meer mit Muth und Kraft,Als des Abgrunds finst’re Tücken,Der zu unsern Füßen klafft.Wie ersehnt den innern FriedenDas zerspalt’ne Vaterland!Reich und arm sei nicht geschieden,Reiche sich die Bruderhand!

Ueber den empörten Wogen,Aufgepeitscht von Neid und Groll,Wölbe sich der Regenbogen,Friedlicher Verheißung voll!Der Verzweiflung Banner hebeNie empor die bitt’re Noth,Und der Heimath Boden gebeAllen ihren Kindern Brot!

Südlich Kreuz, auf fernen MeerenStrahlst du deutscher That und Macht;Doch ein Sternbild hoher EhrenLeuchtet hell durch uns’re Nacht.Keiner zög’re, keiner säume,Ihm zu opfern, froh bereit,Dreigestirn der schonten Träume:Freiheit, Liebe, Menschlichkeit.

Rudolf v. Gottschall.