Die Waldbuße

Rudolf Gottschall (1823–1909)

Da steht des Dorfes armes KindUnd sinnt dem Frevel nach:„O, schuldig ist allein der Wind,Der rings die Zweige brach!

5Euch eigen ist das Waldrevier,So weit das Auge schweift,Mit seiner vollen Kronen Zier,Die nach den Wolken greift;

Der junge Birkenbusch im Thal,

10Die Stämmchen weiß und schlank,Noch schimmernd wie der Mondenstrahl,Wenn schon der Mond versank;

Der hundertjähr’gen Eiche Zelt,Weit greifendes Geäst,

15Die Wiege tausendstimm’ger Welt,Die hier sich schaukeln läßt;

Doch unser nur der Blumenduft,Die Veilchen nur im Moos,Der Vögel Sang, der fröhlich ruft

20Aus dichter Büsche Schooß.

Ich nahm nur, was der Lüfte HauchDen Bettlern hingestreut,Almosen nur von Baum und Strauch,Die Ueberfluß mir beut.

25Es liegt daheim die Mutter krank,Am Heerd erlosch der Brand –Ich nahm’s für einen frommen Dank;Und einen Druck der Hand.“

Der Förster blickt ihr in’s Gesicht,

30So lieb, so engelsrein,Und zögernd folgt er seiner PflichtUnd schreibt den Namen ein:

„Verbot’ne Lese hieltest DuIm weiten Waldrevier,

35Und drück’ ich nicht ein Auge zu,Winkt ernste Strafe Dir.

Verbot’ne Lese hält bei DirMein and’res Auge jetzt,Und sammelt ein, was plötzlich mir

40Das Herz in Flammen setzt.

Geh’, armes Kind, getrost nach Haus,Ich will Dir gern verzeih’n,Hier streich ich Deinen Namen ausUnd schreib’ in’s Herz ihn ein.“