Morgenlied (Albrecht)
Prächtig steigt die Sonne wiederAus der Morgenröthe Zelt,Tausend, tausend JubelliederSingt ihr die erwachte Welt,
5Und der Blumen süßes Düften
Steigt ihr auf in reinen Lüften.
Seht! wie ihr die Heerden hüpfen,Hört! wie ihr die Taube girrt;Rascher scheint der Bach zu schlüpfen
10 Der durch frische Wiesen irrt,
Und die kleinen Sommer MükenTanzen ringelnd ihr Entzüken.
Traurig siz ich in der FülleLauter Freude rings umher,
15Schwermuthsvoller, ernst und stille
Bleibt mein Busen freudenleer.Ach! die Purpurstralen wekenMir des Todes bleiches Schreken.
Weh mir! daß ich durch die Chöre,
20 Durch das Lied, das Leben singt,
Laut des Todes Röcheln höreDas aus jedem Odem dringt,In den Weyhrauch reiner LüfteMischt sich Duft der Todtengrüfte.
25Blumen, die dem Aufgang blühen,
Welken, wenn der Mittag sinkt,Und von Wangen, die ihm glühen,Todes Schweis der Abend trinkt,Leichen, Gräber ohne Zahlen
30Wird sein lezter Grus bestralen.
Tauche deine goldnen Flügel,Erden Licht! ins Schatten Meer,Streu um unsre TodenhügelNacht das tiefste Dunkel her,
35Bis in Edens Sonnenwälzen
Unsrer Gräber Fesseln schmelzen.
Sophia Albrecht.