Prinz Louis Ferdinand

Theodor Fontane (1819–1898)

[276] Prinz Louis Ferdinand.

Sechs Fuß hoch aufgeschossen,Ein Kriegsgott anzuschaun,Der Liebling der Genossen,Der Abgott schöner Fraun,

5Blauäugig, blond verwegen

Und in der jungen HandDen alten Preußen-Degen -Prinz Louis Ferdinand.

Die Generalitäten

10Kopfschütteln früh und spät,

Sie räuspern sich und tretenVor Seine Majestät,Sie sprechen: „nicht zu duldenIst dieser Lebenslauf,

15Die Mädchen und die Schulden

Zehren den Prinzen auf.“

Der König drauf mit Lachen:„Dank schön, ich wußt’ es schon;Es gilt ihn kirr zu machen,

20Drum: Festungs-Garnison;

Er muß in die ProvinzenUnd nicht länger hier verziehn,Nach Magdeburg mit dem PrinzenUnd nie Urlaub nach Berlin.“

[277]25"]}' id="mwSA"> Der Prinz vernimmt die Märe,

Saß eben bei seinem Schatz:„Nach Magdeburg, auf EhreDas ist ein schlimmer Platz!“Er meldet sich am Orte

30Und es spricht der General:

„„Täglich elf Uhr zum RapporteEin für allemal!““

O Prinz, das will nicht munden,Doch denkt er: „sei gescheit,

35Volle vierundzwanzig Stunden

Sind eine hübsche Zeit,Relais, viermal verschnaufen,Auf dem Sattel Nachtquartier,Und kann’s ein Pferd nicht laufen

40So laufen’s ihrer vier.“

Hinfliegt er wie die Schwalben,Fünf Meilen ist Station,Vom Braunen auf den Falben,Das ist die Havel schon,

45Vom Rappen auf den Schimmel,

Nun faßt die Sehnsucht ihn,Drei Meilen noch - hilf Himmel,Prinz Louis in Berlin.

Gegeben und genommen

50Wird einer Stunde Glück,

Dann, flugs wie er gekommen,Im Fluge geht's zurück,

[278] Elf Uhr am andern Tage

Hält er am alten Ort,

55Und mit dem Glockenschlage

Da steht er zum Rapport. -

Das war nur bloßes Reiten,Doch wer so reiten kann,Der ist in rechten Zeiten

60Auch wohl der rechte Mann;

Schon über Thal und HügelStürmt ostwärts der Koloß, -Prinz Louis sitzt am FlügelIm Rudolstädter Schloß.

65"]}' id="mwtQ"> Es blitzt der Saal von Kerzen,

Zwölf Lichter um ihn stehn,Nacht ist’s in seinem Herzen,Und Nacht nur kann er sehn,Die Töne schwellen, rauschen,

70Es klingt wie Lieb und Haß,

Die Damen stehn und lauschenUnd was er spielt ist das:

„Zu spät zu Kampf und Beten,Der Feinde Rosses-Huf

75Wird über Nacht zertreten,

Was ein Jahrhundert schuf,Ich seh es fallen, enden,Und wie alles zusammenbricht,Ich kann den Tag nicht wenden,

80Aber leben will ich ihn nicht.“

[279]"]}' id="mw5Q"> Und als das Wort verklungen,

Rollt Donner schon der Schlacht,Er hat sich aufgeschwungen,Und sein Herze noch einmal lacht,

85Voraus den andern allen

Er stolz zusammenbrach,Prinz Louis war gefallenUnd Preußen fiel - ihm nach.