Spätes Ehestandsglück

Theodor Fontane (1819–1898)

[78] Spätes Ehestandsglück.

Neben mir an, ein Mann im StaatWohnt ein alter Geheimerath.Er hat, nachdem er durch Stürme gesteuert,Mit 60 noch eine Wittwe geheuert,

5Wirthin und Plättfrau war sie gewesen,

Die hat er klug sich auserlesen;Es geht nun schon ins dritte Jahr, –Nie zuvor er so glücklich war.

Briefe zu Neujahr will heut er schreiben.

10Eisblumen blühen ihm an den Scheiben,

Draußen ein helles Sylvesterwetter,Und er schreibt in Cursivschrift: „Lieber Vetter,Du hast Dich, gleich mir, aus Wellen und WogenDer „höhren Justiz“ zurückgezogen,

15Von Deinem Königsstuhle zu Rhense

Zogst Du nach Treptow an der Tollense,Hinter Dir liegt die Welt des ScheinsUnd so fehlt Deinem Glücke nur noch eins:Nimm auch ein Weib (aber von den gelinden,

20In Treptow wirst Du dergleichen finden).

Ich bin Dir in solchem UnterfangenMit gutem Beispiel vorangegangen.

[79]Und glaube mir, – kann ich doch jetzt vergleichen, –

Man siegt nur noch in diesem Zeichen.

25"]}' id="mwSQ"> Gestatte mir, Dir ein Bild zu geben

Von meinem frühren und jetzigen Leben.

Ich hielt es aufrichtig mit Schelling und Hegel,Jetzt bin ich für Pankow, Schönhausen, Tegel,Ich hielt es früher mit Wieland und Herder,

30Jetzt bin ich für Sacrow und Pichelswerder,

Sonst macht’ ich vor Goethe die tiefsten Diener,Jetzt bin ich für Putlitz, Moser, Lubliner.O lern’ auch Du hinter derlei SachenEin großes Fragezeichen machen

35Und empfang’ am Tage der Grogs und Pünsche

Zunächst meine herzlichsten Neujahrswünsche,Dazu den Zuruf, der immer frommt:„Isolan, Ihr kommt spät, jedoch Ihr kommt.“